In diesem Beitrag möchte ich ein Thema aufgreifen, das besonders junge angehende Spielerinnen und Spieler im Leistungsbereich interessieren dürfte.
Auf welche Disziplin soll ich mich spezialisieren und wann ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich mich entscheiden muss?
Grundsätzlich gibt es darauf keine eindeutige Antwort, und jeder Trainer/Spieler hat da etwas unterschiedliche Ansichten. Der folgende Beitrag zu dem Thema basiert auf meinen eigenen Erfahrungen und ich möchte gerne zu einem Austausch verschiedener Meinungen und Erfahrungen anregen.
Die Entscheidung für eine Disziplin ist hauptsächlich relevant für die Jugendlichen, die Badminton als Leistungssport betreiben.
Ich trainierte immer nur Einzel, bei manchen Lehrgängen oder in vereinzelten Einheiten wurden mir die Grundprinzipien des Doppels beigebracht, aber der Fokus lag immer auf dem Einzel. Doppel und Mixed habe ich auf den Turnieren immer gern gespielt, das zum Großteil auch relativ erfolgreich. Im Herzen habe ich aber immer gespürt, dass das Einzel das Wahre für mich ist.
- Die Sache selbst in der Hand zu halten
- Das ganze Feld alleine ablaufen
- Eigene Entscheidungen zu treffen und die Konsequenzen davon selbst komplett zu tragen
sind unter anderem Argumente für mich gewesen, mich auch in Zukunft auf das Einzel zu konzentrieren, als ich in das Alter kam, wo ich zunehmend mich spezialisieren sollte. Einzel spielen gibt mir ein Gefühl von Freiheit.
Für jeden gibt es unterschiedliche Gründe, warum man sich für welche Disziplin entscheidet.
Vorneweg möchte ich betonen, dass die Entscheidung für welche Disziplin zwar richtungsweisend ist für die Zukunft, aber das heißt nicht, dass die Karriere dann in Stein gemeißelt ist. Es gibt etliche Weltklassespieler, die nicht von Anfang an in ihrer Disziplin Karriere gemacht haben, sondern nach einem Wechsel den internationalen Durchbruch erreichten. Prominenteste Beispiele sind da unter anderem Joachim Fischer (Dänemark, Einzel->Mixed), Wei Ya Xin (China, Einzel->Mixed), Sapsiree Taerattanachai (Thailand, Einzel -> Doppel/Mixed) oder auch M. Thinaah (Malaysia, Einzel -> Doppel). Der Wechsel vom Doppel ins Einzel ist viel seltener, aber auch der kommt manchmal vor wie z.B. bei Ng Ka Long Angus (Hong Kong), der in seiner Jugendkarriere den Fokus im Doppel hatte und unter anderem Jugendweltmeister in dieser Disziplin wurde. Später wechselte er aber ins Einzel und erreichte eine Weltranglistenhöchstplatzierung von 6.
Zwar habe ich den Weg der Einzelkarriere eingeschlagen, trotzdem konnte ich auch einige Beobachtungen machen, wie das Leben im Profibereich in den Doppeldisziplinen sind.
Es macht Sinn bei der Entscheidungsfindung die Disziplinen unter unterschiedlichen Aspekten zu durchleuchten.
Badmintonspezifische Fähigkeiten:
- Einzel
- Kann ich läuferisch das Feld gut abgedecken?
- Es geht dabei nicht nur um die läuferische Ausdauerfähigkeit und Schnelligkeit, ein guter Laufrhythmus wird oft unterschätzt und ist häufig sogar wichtiger als die reine Geschwindigkeit
- Habe ich die technischen Fähigkeiten mit den eigenen Schlägen den Gegner unter Druck zu setzen, egal ob Hinterfeld oder Vorderfeld?
- Sind meine Fähigkeiten in allen Bereichen: Lauftechnik/Schlagtechnik grundsätzlich gut ausgebildet? Es gibt keinen Partner, der die eigenen Schwächen etwas kompensieren könnte
- Doppel/Mixed:
- Bin ich handlungsschnell mit dem Schläger?
- Habe ich einen Instinkt dafür wohin der Ball als nächstes kommen könnte, und trau ich mir zu, dem Instinkt im Ballwechsel zu folgen und evtl. dabei eigene Lücken zuzulassen?
- Fällt es mir leicht mein Spiel mit meinem Partner abzustimmen und auf die taktischen Entscheidungen meines Partners schnell zu reagieren?
Persönliche Eigenschaften:
- Einzel
- Stehe ich gerne alleine auf dem Feld und möchte Entscheidungen selbst treffen?
- Wenn es hart wird auf dem Feld, kann ich mich alleine aus einem mentalen Loch ziehen und motivieren?
- Bin ich bereit im Bereich der körperlichen Ausdauer viel zu investieren?
- Möchte ich arbeiten für den alleinigen Erfolg?
- Doppel:
- Stehe ich gerne mit einem Partner zusammen auf dem Feld und ziehe daraus unter anderem meine Motivation?
- Habe ich eine größere Freude mit jemanden gemeinsam den Erfolg zu feiern, akzeptiere aber auch gemeinsamen Misserfolg und schiebe die Schuld nicht einfach auf meinen Partner?
- Bin ich bereit zusammen als Team auf dem Feld, aber auch neben dem Feld zu arbeiten?
- Komme ich mit unterschiedlichen Persönlichkeiten klar?
Die zwei obigen Kategorien sind aus meiner Sicht die Hauptgründe, wonach man seine Disziplin entscheiden sollte. Aber wie das Leben im Profibereich in der jeweiligen Disziplin ist, sollte man vielleicht auch im Auge behalten.
- Einzel:
- Man ist viel alleine unterwegs, besonders ganz oben auf der World Tour ist man oft der Einzige aus der Disziplin, wenn man aus einem kleinen Badmintonland wie Deutschland kommt
- Herausforderungen wie Trainingspartner und Zimmerpartner zu finden und die generelle erschwerte soziale Interaktionen, wenn man mehrere Wochen unterwegs ist, sollte man nicht unterschätzen
- Man ist zum Teil auf sich alleine gestellt bei der Organisation von Reisen, dafür ist man aber auch autonom in seiner Entscheidungsfindung
- Alleine unterwegs zu sein bietet auch die Chance vermehrt internationale Freundschaften zu schließen. Viele Einzelspieler aus kleinen Badmintonnationen kämpfen mit den gleichen Problem, wie z.B. Sparringspartner zu finden
- Man ist der Manager von einem selbst
- Die Weltrangliste ist kompetitiver, die Turniere sind auf allen Ebenen deutlich voller besetzt als die Doppeldisziplinen. Der Weg nach oben in die World Tour dauert im Schnitt dadurch deutlich länger, vor Allem im Herreneinzel
- Durch die größere Konkurrenz kann die finanzielle Förderung beeinträchtigt werden, Nominierungen für EM/WM und Teammaßnahmen der Nationalmannschaft können auch schwieriger zu erreichen sein
- Jede Karriere ist abhängig vom eigenen Umfeld, im Einzel ist man etwas autonomer, da man nicht abhängig ist von einem Partner, um an Wettbewerben teilzunehmen
- Das Preisgeld ist im Schnitt fast doppel so hoch wie im Doppel
- Ist man hoch in der Weltrangliste, dann ist man im Schnitt interessanter für Sponsoren, als Einzelspieler hat man ein größeres Alleinstellungsmerkmal
- Körperlich ist das Einzel belastender, im Schnitt ist die Karriere eines Einzelspielers kürzer als die eines Doppelspielers
- Doppel:
- In der Nationalmannschaft hat der Trainer die Entscheidungsbefugnis Paarungen einzuteilen
- Die Auswahl an Partnern ist relativ beschränkt, es kann dazu kommen, dass ein Partner zugeteilt wird, der auf sportlicher Ebene oder auf persönlicher Ebene nicht optimal passt
- Die Gefahr, dass der Partner verletzt ist, und man trotz eigenem fitten Zustand nicht an Wettbewerben teilnehmen kann, ist immer da
- Auf der Tour hat man normalerweise weniger Probleme Trainingspartner zu finden und grundsätzlich ist man nicht allein bei der Organisation der Reisen
- Versteht man sich mit seinem Partner auf persönlicher Ebene nicht so gut, kann das mental sehr herausfordernd werden, da man nicht nur im Training miteinander zu tun hat, sondern auf den Turnieren oft mehrere Wochen gemeinsam unterwegs ist
- Man ist der Manager von einem kleinen Team
- Das Preisgeld ist für den Einzelnen niedriger, ist man aber erfolgreich im Doppel und Mixed, gibt es zwei Möglichkeiten, um sich Preisgeld zu erspielen
- Es ist einfacher in der World Tour anzukommen aufgrund der geringeren Anzahl an Konkurrenz, dort gibt es ein größeres Zuschauerinteresse und mehr Preisgeld
- Auch in einem höheren Karrierealter ist es im Schnitt gut möglich Weltklasse zu sein

Ab wann sollte man sich spezialisieren?
Ich spielte mit 15 Jahren regelmäßig schon internationale U19 Turniere und auch an den ersten internationalen Erwachsen-Turniere nahm ich teil. Auf dieser Ebene war die Entscheidung so, dass mein Hauptaugenmerk auf dem Einzel liegt, ich aber noch eine zweite Disziplin im selben Turnier melden darf, um weitere Spielpraxis zu sammeln.
Ab diesem Alter wurde zunehmend bei mir die Spezialisierung ins Einzel getroffen. Nur bei den deutschen Jugendmeisterschaften durfte und wollte ich alle drei Disziplinen spielen. Letztendlich konnte ich in meinem letzten Jugendjahr nochmal den Gewinn aller drei deutschen Jugendmeistertitel feiern.
Ich finde es richtig im Training ab 15/16 Jahren den Fokus auf eine Disziplin (Einzel oder Doppel/Mixed) zu lenken. Trotzdem würde ich den Jugendlichen erlauben eine weitere Disziplin auf den Turnieren zu spielen. Einfach um den Horizont zu erweitern, weitere Erfahrungen zu sammeln, und auch für die mentale Psyche ist es oft erleichternd, wenn man weiß, man hat ‚mehrere Chancen‘ erfolgreich zu sein. Wenn man nur in einer Disziplin antritt und das erste Spiel verliert, dann ist das Turnier sehr schnell beendet. Drei Disziplinen sind aber aus meiner Sicht eine zu große physische Belastung, das Ziel sollte es sein die Topleistung in der bevorzugten Disziplin zu erlangen, und nicht mittelgut in allen drei Disziplinen zu sein.
Das Einzeltraining ist eine gute Basis auch für jeden Doppelspieler, eine gute Bewegungs- und Ausdauerfähigkeit gibt jeden Spieler erstmal viel Sicherheit lange Ballwechsel forcieren zu können, und sollte nicht unterschätzt werden in ihrer Bedeutung. Auch Doppeltraining ist in Maßen interessant für angehende Einzelspieler, besonders im Bezug auf die taktische und technische Handlungsschnelligkeit.
Ich beobachte, dass die Spezialisierung immer früher beginnt, und zum Teil eine Spezialisierung gefordert wird aufgrund von Nominierungskriterien. Das sehe ich eher kritsch, da ich besonders im Jugendbereich eine gut ausgebildete Grundbasis im Badmintonspiel, unabhängig der Disziplin als viel wichtiger empfinde. Die meisten Weltklassedoppelspieler haben in ihrer Jugend noch lange zusätzlich Einzel gespielt (Seo Seung Jae, Yuta Watanabe, Zheng Si Wei, Misaki Matsutomo, Sapsiree Taerattanachai), aber auch andersherum können viele Weltklasseeinzelspieler ein sehr gutes Doppel spielen (bestes Beispiel die Popov-Brüder, oder Peter Gade, der Jugendweltmeister im Doppel wurde). Bei einer zu frühen Spezialisierung sehe ich die Gefahr, dass das volle Potenzial nicht ausreichend ausgeschöpft wird. In der Jugend ist es aus meiner Sicht viel wichtiger ein guter Badmintonspieler zu werden und sehr gute Allround-Fähigkeiten zu entwickeln. Nur mit dieser Basis können Höchstleistungen im Profibereich entwickelt werden.
Die oben aufgelisteten Kriterien und Leitfragen sind nicht vollständig und basieren auf persönlichen Erfahrungen. Es soll zu einem Denkanstoß dienen, ist aber kein wissenschaftlich erarbeitetes Dokument. Wie ist eure Meinung dazu? Lasst es mich gerne wissen!
















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