Es ist Montagabend, ich bin noch in Warschau und mache gerade noch einen Witz zu meiner Teamkameradin Jessica, dass meine Chancen in Dänemark noch reinzukommen Richtung 0 gehen, da bekomme ich eine E-Mail um 18:43 Uhr vom Referee mit der Information, dass ich nachgerückt bin. Vor Freude umarmte ich Jessica stürmisch und konnte mein Glück kaum fassen! Viel Zeit um das Gefühl zu genießen blieb jedoch nicht, wir machten uns gerade auf dem Weg zum warschauer Flughafen und ich musste zu Hause meinen Trainer Eric und unseren Sportdirektor beim Hamburger Badminton Verband Gisbert kontaktieren, um die Reise nach Dänemark auf die Schnelle zu organisieren. Ein Glück ist Hamburg nur eine dreieinhalb stündige Autofahrt von Odense entfernt, wo die Denmark Open stattfinden und Eric war originell eingeplant bei den Denmark Junior zu coachen, die zeitgleich liefen. So bot es sich an, dass er einen Tag früher mit mir mitfährt und mich auch noch zusätzlich betreut. Ich kam schließlich um 22:45 Uhr zu Hause bei meinen Eltern an, und am nächsten Morgen um 7:30 Uhr holte mich Eric ab und wir machten uns auf den Weg nach Dänemark.
Die Losfee hat es gut mit mir gemeint. Es war eine 50/50 Chance zwischen PV Sindhu und An Se Young als Gegnerin. Beide nicht ganz so schlecht, aber der aktuellen Form nach zu urteilen, muss man schon sagen, dass An Se Young die noch härtere Gegnerin gewesen wäre 🙃. Schließlich kamen wir um 11 Uhr an, die Spiele auf meinem Feld zogen sich, so dass ich noch genug Zeit hatte für einen kurzen Mittagsschlaf und ein Mittagessen. An dieser Stelle muss ich erwähnen, die Players Lounge in Dänemark ist eine der besten Lounges, die ich auf der Tour gesehen habe. Es gibt vieles zu essen und zu trinken, Liegen und Couches zum Ausruhen und auch eine Spiele- und Fernsehecke für Entertainment.

Und dann war es so weit. 1. Runde Denmark Open gegen PV Sindhu. Bisherige Bilanz: 0:3. Eingewöhnung an die Wettkampfhalle: 0 Minuten. Anreise morgens am Wettkampftag. Abends vorher noch aus Warschau heim geflogen. Das sind doch optimale Bedingungen 😅. All das zählte aber nicht sobald das Spiel losging. Denn dann hieß es 0:0 bitte spielen. Ich nahm mir vor in Stresssituationen nicht zu passiv einfach weg zu spielen, damit sie nicht so einfach angreifen konnte, das gelang mir jedoch nicht sonderlich gut im ersten Satz. Zwischendurch machte ich paar gute Punkte, aber ich spielte zu oft in ihre Karten rein und sie konnte häufig nach Belieben angreifen. Der Satz ging 13:21 deutlich weg, aber trotzdem merkte ich, auch sie fühlte sich nicht zu 100% wohl auf dem Feld, sie spielte nämlich einige unsichere Bälle zwischendurch, die mir die Chance gaben eigene Punkte zu erzielen. Im 2. Satz kriegte ich es besser hin den Ball flach zu halten und in besseren Momenten erst wegzuspielen. Ich führte konstant um ein paar Punkte und hatte beim Stand von 20:18 eigentlich schon den Satz gewonnen, da kam aber eine Challenge von Sindhu, der die Linienentscheidung meines Smashes korrigierte und es ging weiter. Eine nervenaufreibende Schlussphase mit einem sehr schlechten Aufschlag und einem direkten Aufschlagfehler meinerseits endete schließlich doch noch mit einem 25:23 Sieg für mich.
Der dritte Satz begann umkämpft, dann merkte ich physisch die Intensität und mir unterliefen ein paar zu schnelle Fehler, sie zog auf 11:7 weg. Nach der Pause stand es 12:7 für sie, aber plötzlich unterliefen ihr mehrere einfache Fehler, ich kam zurück. Beim Stand von 15:15 spielte sie nochmal aggressiver und zog auf 19:15 weg. Ich spielte schon mit dem Gedanken, dass eine Niederlage jetzt schade wäre, aber immerhin war es ein enges Spiel, vielleicht brachte dieser Gedanke am Ende sogar die Lockerheit, die mich die letzten Punkte befreit aufspielen ließen und ich drehte den Rückstand komplett und gewann mit 6 aufeinander folgenden Punkten 21:19. Im Moment des Sieges konnte ich nicht wirklich glauben was da gerade in den letzten 5 Minuten passiert ist. Nach dem Spiel muss ich sagen, dass ich noch nie so lange Interviews geben musste bisher in meiner Karriere, es war eine völlig ungewohnte Situation. Nach dem Sieg hieß es dann auch weiter Organisationskram erledigen, Training musste beantragt werden und eine Unterkunft gebucht, denn der ursprüngliche Plan war eigentlich direkt nach dem Spiel bei einer Niederlage mit dem Zug wieder nach Hause zu fahren.
Mittwoch war ein freier Tag, nur Training stand auf dem Plan. Ein Vorteil ist, dass ich beim Odense Badminton Klub in der dänischen Liga spiele und deshalb am Vereinstraining Mittwoch morgens einfach teilnehmen konnte. Abends kamen dann die zwei Jungs, Frederik und Valentin an, die bei den Denmark Junior starten würden und wir gingen noch was gemeinsam essen.
Donnerstag stand dann das Achtelfinale an. Das Spiel war erst spät abends angesetzt, sodass ich morgens noch trainieren konnte. Es gelang uns die zwei Jungs mit einzuschleusen, so hatten wir unsere kleine Trainingsgruppe einfach bei den Denmark Open und die Jungs freuten sich einen Blick hinter die Kulissen zu bekommen und den Profis von ganz nah beim Training zuschauen zu können. Mittags hatte ich etwas Zeit mich auszuruhen und für die Jungs ging ihr Wettkampf los. Zeitlich passte alles perfekt, Eric konnte morgens mit zum Training, nachmittags die Jungs coachen und abends dann wieder mich begleiten. Das einzige was mir ein schlechtes Gefühl gab waren leichte Magenkrämpfe und das Gefühl generell kaputt zu sein. Auch beim Warmup merkte ich es, ich war viel schneller außer Atem als normal und mir viel es schwer richtig warm zu werden. Es blieb aber keine Zeit groß drüber nachzudenken, das Spiel ging los.
Meine Gegnerin hieß Tanvi Sharma, erst 17 Jahre alt aus Indien, die letzte Begegnung war nicht lange her bei den US Open, wo ich knapp mit 21:23 und 16:21 ihr unterlag. Der Start war holprig, sie setzte mich mit ihren ansatzlosen Schlägen gleich sehr unter Druck und ich merkte, dass mir die Kraft in den Beinen fehlte, um die Täuschungen ihrer Schläge kompensieren zu können. Zwischenzeitlich gelang es mir mich wieder ranzukämpfen, aber die Endphase entglitt mir, 17:21 ging der erste Satz an sie. Der 2. Satz gestaltete sich ausgeglichener, dann wurde es physisch auch intensiver und ich merkte einfach meine Müdigkeit, irgendwas war mit meinem Körper los, ich fühlte mich einfach schwach und war schnell außer Atem. Sie zog ein paar Punkte davon, aber in der Schlussphase gelang es mir wieder aufzuholen. Beim Stand von 19:20 hatte ich eine gute Position, wollte aber zu viel und ich smashte den Ball ins Netz. 19:21, Match verloren, sehr schade. Nach dem Spiel war dann mein Körper völlig fertig und die Bauchkrämpfe kamen in wiederkehrenden Wellen. So waren die Denmark Open dieses Jahr in der 2. Runde vorbei. Dass das Spiel überhaupt noch so knapp wurde, habe ich vor allen den zahlreichen deutschen und auch dänischen Fans zu verdanken, die mich lautstark das ganze Spiel anfeuerten. Mit so einem Support habe ich erst ganz wenige Male in meinem Leben gespielt. VIELEN DANK an dieser Stelle und ich hoffe sehr, dass ich in Zukunft noch bessere Ergebnisse erzielen kann und die Gelegenheit bekomme solch eine Unterstützung nochmal zu erfahren!
Riesen Dank auch an dieser Stelle an Eric, dass er mich auf unser 2. Turnier begleitet hat, und wir gemeinsam einen Sieg gegen eine Top-10 Spielerin, Weltmeisterin und Medaillengewinnerin bei Olympia feiern konnten! Großen Dank auch an Gisbert und den HBV, dass ihr Erics Betreuung für mich überhaupt ermöglicht habt. Es ist etwas ganz Besonderes für mich ein kleines Hamburger Team nicht nur zu Hause, sondern auch auf der internationalen Bühne zu haben.

Nächster Halt: Hylo Open in Saarbrücken. Bis dahin könnte ihr bei Interesse gerne meine Spiele im Re-Live euch anschauen:
📷: Das Titelbild wurde bereitgestellt von BadmintonPhoto

















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